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  • Meinem Vaterland, der Republik Polen treu sein

     

  • NACHRICHTEN

  • 13 September 2017

    Der Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums München ist am 13. September ausgezeichnet worden. Die Ehrenmedaille wurde vor der offiziellen Eröffnung der Ausstellung „Erinnerung bewahren. Sklaven- und Zwangsarbeiter des Dritten Reiches aus Polen 1939–1945“ durch Botschafter Witold Sobków, Politischer Direktor des Außenministeriums der Republik Polen, überreicht.

     

    Die Bene Merito Ehrenmedaille wird an Personen vergeben, die sich in besonderem Maße für das Land Polen im Ausland stark machen. Prof. Dr.-Ing. Winfried Nerdinger wurde für sein Engagement in die Vertiefung der Zusammenarbeit deutscher und polnischer Historiker, der Museen, Gedenk- und Dokumentationssteten, sowie der richtigen geschichtshistorischen Darstellung der deutschen Besatzung und der Kriegsverbrechen im besetzten Polen, ausgezeichnet. Ihm verdanken wir u.a., dass die Ausstellung „Warschauer Aufstand 1944“ (vom 29. Oktober 2015 bis zum 28. Februar 2016 in München) der bayerischen Öffentlichkeit präsentiert wurde.

     

    Die Rede von Prof. Dr.-Ing. Winfried Nerdinger aus Anlass der Eröffnung der Ausstellung „Erinnerung bewahren. Sklaven- und Zwangsarbeiter des Dritten Reiches aus Polen 1939–1945“ am 13. September 2017:

     

    Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind erst nach und nach ins öffentliche Bewusstsein gedrungen: Am Anfang dieser Bewusstwerdung steht die Ermordung der europäischen Juden, die mit dem Einsatzgruppen- und dann dem Auschwitzprozess ab Ende der 1950er Jahre intensiver diskutiert, aber erst mit der Fernsehserie Holocaust 1979 zu einem Thema der breiten Öffentlichkeit wird. Die Ermordung der Sinti und Roma wird zum öffentlichen Thema erst ab Anfang der 1980er Jahre mit dem Hungerstreik in Dachau, erst seit den 1990er Jahren werden die Euthanasiemorde in ihrer ganzen furchtbaren Dimension aufgearbeitet, das Thema Verbrechen der Wehrmacht kommt durch die Wehrmachtsausstellung ab 1995 in die Diskussion, darunter das Verhungernlassen von 3 Millionen sowjetischer Kriegsgefangener, und ebenfalls erst seit den 1990er Jahren findet auch, angestoßen insbesondere durch die Arbeit von Bürgerinitiativen und Regionalhistorikern, eine breitere Auseinandersetzung mit dem Thema Zwangsarbeit statt. Erst im Jahr 2000, also 55 Jahre nach Kriegsende, wurde auf internationalen Druck die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ von der Regierung der BRD und 6000 deutschen Unternehmen gemeinsam gegründet, die zwischen 2001 und 2007 insgesamt ca. 4,5 Milliarden Euro an 1,6 Millionen Zwangsarbeiter ausbezahlte, im Schnitt also etwa 3000 Euro. Wenn man bedenkt, dass allein im ehem. Deutschen Reich 13 Millionen Zwangsarbeiter eingesetzt waren, dann sieht man schon, dass nur etwa ein Zehntel der Betroffenen überhaupt diese kleine, eher symbolische Entschädigung erhielt. Die meisten waren bereits verstorben, viele Ansprüche wurden abgewiesen, einige Gruppen wie beispielsweise die italienischen Kriegsgefangenen, die zur Zwangsarbeit eingesetzt worden waren, erhielten keine Entschädigung.

    Das Thema Zwangsarbeit ist jedoch bis heute wenig im öffentlichen Bewusstsein verankert, obwohl oder vielleicht gerade weil es ein Verbrechen war, das sich vor aller Augen unübersehbar in ganz Deutschland in Jahren 1940 bis 1945 abspielte. Allein in München waren in diesen Jahren etwa 150.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eingesetzt, die in 400 Lagern und Unterkünften untergebracht waren, und von denen zumindest ein Teil täglich von der Bevölkerung gesehen wurde.

     

    Prozentual zum Verhältnis der Einwohnerzahl stammte der größte Anteil der Zwangsarbeiter aus Polen, nämlich etwa 3 Millionen. Deren Schicksal wird in der Ausstellung, die wir heute eröffnen, sowohl in ihrer Gesamtheit wie in Einzelbiographien dargestellt. Hier kann der Besucher erschreckende Details beispielsweise über die zur Zwangsarbeit verschleppten Kinder, etwa 80.000 aus Polen, erfahren, oder über das Schicksal von tausenden von Neugeborenen. Wir danken dem polnischen Generalkonsulat in München, Herrn Generalkonsul Andrzej Osiak und Herrn Konsul Marcin Krol für die Vermittlung dieser von der Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung erarbeiteten Ausstellung und für die Unterstützung bei der Installation. Zur Ausstellung selbst wird Herr Dariusz Pawlos, der Vorsitzende der Stiftung, sprechen.

     

    Nach der Dokumentation über den Warschauer Aufstand 1944, die wir 2015 zeigten, ist dies in der kurzen Zeit des Bestehens des NS-Dokumentationszentrums bereits die zweite Ausstellung, die wir gemeinsam mit dem Generalkonsulat verwirklichen konnten, dies kann nicht nur als Zeichen der guten Zusammenarbeit, sondern auch als Ausdruck verstanden werden, dass sich das NS-Dokumentationszentrum besonders um Dokumentation und Erinnerungsarbeit im Hinblick auf die deutschen Verbrechen in unserem Nachbarland Polen bemüht.

     

    Hannah Arendt schrieb in ihrer großen Studie über den Totalitarismus 1951: „Der Terror ist das Wesen totalitärer Herrschaft. Die Orte des Terrors sind die Lager, in denen Menschen in Dinge verwandelt wurden, die sich immer gleich zu verhalten haben. Die Lager sind die Orte der Erniedrigung, der Auslöschung der Individualität.“ Wer somit den NS-Terror verstehen will, muss sich mit den Lagern in ihren verschiedenen Formen auseinandersetzen. Bekannt sind die literarischen Auseinandersetzungen mit den sowjetischen Lagern von Solschenizyns Archipel Gulag bis zu Herta Müllers Atemschaukel, aber in es existiert auch eine „Lagerliteratur“ zu den NS-Lagern. So beginnt beispielsweise eines der großen literarischen Werke des 20. Jahrhunderts, Wassili Grossmanns, „Leben und Schicksal“, mit der eindrucksvollen Beschreibung eines NS-Konzentrationslagers:

    „Der Atem des Lagers war über viele Kilometer hin zu spüren: Sich immer mehr verdichtend liefen die Leitungsdrähte, die Landstraßen und Eisenbahngleise auf das Lager zu. Es war ein Raum voller gerader Linien, ein Raum voller Rechtecke und Parallelogramme, welche die Erde [...] den Nebel zerschnitten. [...] Aus dem Nebel tauchte der Lagerzaun auf – Stacheldrahtreihen, die zwischen Pfosten aus Eisenbeton gezogen waren. Baracken bildeten breite, gerade Straßen. In dieser Einförmigkeit kam die ganze Unmenschlichkeit des riesigen Lagers zum Ausdruck. [...] Das Leben verdorrt dort, wo man mit Gewalt versucht, seine Eigenarten und Besonderheiten auszulöschen.“

     

    Die Lager waren allgegenwärtig und der Bau der Lager – mit ihren verschiedenen Funktionen und der Auslöschung des Individuums durch Architektur – war ein zentraler Beitrag der Architektenschaft, die sich dieser Thematik und ihrer eigenen Rolle und Funktion im Terror-System nach Kriegsende völlig entzog, obwohl doch beispielsweise die Planung von Auschwitz teilweise durch einen ehemaligen Studenten am Bauhaus erfolgte, und die Planung für eine Erweiterung von Auschwitz aus dem Büro des GBI Albert Speer stammte. Kein einziger Architekt hat sich je zu seiner Mitwirkung an diesen Instrumenten des Verbrechens bekannt.

     

    Zu dieser Welt der Lager gehören auch die 30.000 Zwangsarbeiterlager, von denen in ganz Deutschland heute gerade noch zwei erhalten sind. Eines befindet sich in Berlin-Schöneweide, dort wurde vor 10 Jahren eine vorbildliche Dokumentation eingerichtet, und ein zweites ist in München-Neuaubing, das Lager, in dem etwa 1000 Personen aus einem Dutzend Ländern, darunter etwa 150 aus Polen, für das Reichsbahnausbesserungswerk Freiham arbeiteten. Die erhaltenen acht Baracken sowie zwei Kleinbunker sind seit Anfang 2017 als Einzelbaudenkmäler in die Denkmalliste eingetragen und stehen damit nicht nur unter Schutz, sondern haben auch die Würdigung erhalten, die ihnen schon allein aufgrund ihrer Einmaligkeit zukommt. Die LH München hat das gesamte Gelände 2015 gekauft und der Stadtrat hat beschlossen, dort einen Erinnerungs- und Lernort einzurichten. Mit dieser Aufgabe wurde das NS-Dokumentationszentrum beauftragt, das nun das Konzept für eine Dependance erarbeitet hat, die, sofern der Stadtrat das Projekt beschließt, mit enormer Verspätung, aber immerhin noch ca. Ende 2019 eröffnet werden könnte. In der Ausstellung über die polnische Zwangsarbeit haben wir am Ende eine kleine Abteilung eingerichtet, in der erste Informationen über das Lager und die geplante Dependance vermittelt werden.

     

    Bei unseren Recherchen konnten wir in den letzten Monaten bereits zahlreiche noch lebende ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in der Ukraine, in Litauen oder Italien auffinden und interviewen, um die sich nie jemand gekümmert hat, außerdem konnten wir über die Nachkommen mehrere Dutzend Lebensgeschichten von Zwangsarbeitern in Lager Neuaubing zusammenstellen. Der größte Wunsch und die Hoffnung dieser Menschen ist es, dass endlich ein Ort geschaffen wird, an dem an das erlittene Unrecht erinnert wird, ein Ort, den sie selbst und ihre Nachkommen aufsuchen können, um dort auch der Verstorbenen gedenken zu können. Die Landeshauptstadt München, die während der NS-Zeit viele Zwangsarbeiter in ihren Einrichtungen beschäftigt und ausgebeutet hat, hat sich mit dem Kauf des Geländes und mit dem Auftrag, einen Erinnerungsort dort einzurichten, auch zu dieser Verpflichtung bekannt.

     

    Dieser authentische Ort besitzt nicht nur eine herausragende historische Bedeutung, sondern er verpflichtet zur Erinnerungsarbeit und diese sollte über allen anderen Überlegungen hinsichtlich der Nutzung stehen. Hier hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein Biotop mit Künstlern, Handwerkern und Kindergarten gebildet, das durchaus weiter bestehen kann, aber die Erinnerung an das Leid und an die Verbrechen, die Zwangsarbeitern angetan wurden, verpflichtet die Nachgeborenen, diesen Ort entsprechend dieser Bedeutung für die noch Lebenden wie auch deren Nachkommen, würdig zu gestalten, und ihn auch für die nächsten Generationen als Lernort einzusetzen.

     

    Winfried Nerdinger

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